Wednesday, March 13, 2013

Mittwoch

Es ist Passionszeit. Und das bedeutet, dass wir zusätzlich zu den beiden Gottesdiensten am Sonntag auch noch einen am Mittwoch haben. Die Gottesdienste sind alle den Taizé-Gottesdiensten nachempfunden und finden in einer halbdunklen Kirche statt. Das ist nicht weiter schwierig, denn unsere Kirche ist eh ein dunkles Loch. (Verzeihung, ist doch wahr!)

Vorher muss noch ein bisschen was vorbereitet werden. So zum Beispiel 80 grüne Blättchen an einen grossen Ast heften (die Blättchen waren Teil des Gottesdienstes letzten Sonntag und stellen unsere Begabungen dar. Nun sollen diese Begabungen an den kahlen Baum, damit der eben nicht mehr kahl ist. Sozusagen, unsere Begabungen machen unser Zusammenleben blühend und lebend.) Das sieht dann etwa so aus:

Die Vögel stellen übrigens unsere Kinder in der Gemeinde dar. Und wie echte Vögel im Baum dürfen Kinder hier im Gottesdienst auch rumfliegen (also hin und herlaufen) und zwitschern (reden). Ein Baum ohne bunte Vögel ist langweilig. Eine Kirche ohne Kinder tot.














Ausserdem müssen Kerzen aufgefüllt werden, die Kirche für den Gottesdienst hergerichtet werden und die Liedernummern ans Brett angeschlagen werden. (Und angeschlagen darf hier ruhig wortwörtlich verstanden werden, denn die Nummern sind verzogen und klemmen im Brett und sind nur unter größter körperlicher Anstrengung und Gewalt zu bewegen.)

Dann Gottesdienst. Wie immer beim Mittwochsgottesdienst kommt nur eine kleine treue Grupe von 7 Leutchen. Aber immerhin, es kommen 7 Leute.

Anruf aus der Schule. Ob ich nächste Woche Donnerstag einen Vortrag in der Schule halten könne. Nein, da habe ich eine Beerdigung. Schade, wo Sie doch in Australien gross geworden sind. Australien?!? Wir kommen aus Deutschland. Ach, dann hat sich das eh erledigt. Ich dachte ja nur, wegen Ihres lustigen Akzentes. 
Na, schön, dass wir mal drüber gesprochen haben.

Es ist mittlerweile 2:00h nachmittags und noch immer habe ich es nicht geschafft mein Mittag warm zu machen. (Es gibt "ganz leckere" Fertignudelsuppe aus Japan.

Der Gefrierschrank gab heute morgen nichts besseres her.) Aber selbst zum Heissmachen ist keine Zeit, denn in fünf Minuten treffe ich mich mit den Organistinnen (ja, wir haben zwei), um die Musik für die nächsten Wochen und besonders die Heilige Woche und Ostern zu planen. Und wie immer werde ich gute Musik ausgesucht haben. Und wie immer werden beide Organisten sagen, das Lied kennen wir nicht. Das wird die Gemeinde nicht singen. Wie wär's stattdessen mir diesem hier? Und dieses hier wird eines der fünf Lieder sein, die hier ständig gesungen werden und die keiner, ich jedenfalls nicht, mehr hören oder gar singen mag.

Dann ein Hausbesuch bei E. E. hat Krebs im Endstadium und wird zu Hause durch das örtliche Hospiz versorgt. Der Besuch macht mich traurig. Nicht die Auswegslosigkeit. Aber das Leiden.

Zeit zum Nachdenken habe ich aber keine, denn nun will ich endlich meine japanische Suppe geniessen. Wird aber wieder nichts. Stattdessen ein Anruf vom Bischof. Das jährliche Pastoren und Bischofstreffen im Juni findet dieses Jahr hier in meiner Gemeinde statt.  Die Herren (und es sind wirklich fast ausschliesslich Herren. Ich bin fast die einzige Frau und die einzige Person unter 40. Und unter 50. Und unter 55.) möchten bitte danke eine Weintour durch die Region machen. Ich wohnte doch in einem Weinanbaugebiet. Da hätte ich doch bestimmt Kontakte. Habe ich nicht. Ich trinke keinen Wein. Ich trinke überhaupt gar nicht, weil es in meiner Familie gar arg viele Alkoholiker gibt und ich nicht rausfinden möchte wie sehr Alkoholismus genetisch veranlagt ist. Aber Leute anrufen kann ich natürlich. Hoffentlich erwartet niemand, dass ich bei diesem Event denn auch anwesend sein muss. Ich glaub, da hab ich die Masern. Oder Mumps. (Ach nee, gegen Masern bin ich geimpft und Mumps hatte ich als Kind.) Vielleicht einen eingewachsenen Fussnagel. Oder ...Na, hoffentlich fällt mir da noch eine gute Ausreden ein.

Mittlerweile ist es 5.30. Mittag hatte ich immer noch nicht. Und in 45 Minuten fängt die Kirchenvorstandssitzung an. Aber in der verbleibenden Zeit werde ich essen. Komme was wolle.

Was kommen wollte war ein Gemeindemitglied mit ein paar Fragen. Die Suppe wurde kalt. Die Nudeln drin glitschig und der Magen grummelte weiter.

Die Kirchenvorstandssitzung dauerte auch wieder nur mal drei Mal so lang wie geplant und kaum war es 10h, konnte ich schon nach Hause.

70 Minuten Autofahrt. Dabei nicht einschlafen. Also besser Fenster auf (obwohl es schneit) und Musik laut an (Herr Puccini und Frau Tosca mussten Lordi und Hard Rock Hallelujah weichen.)

Und nun bin ich zu Hause. Und müde. Einerseits. Und zu überdreht zum Schlafen andererseits. Morgen bin ich zu Hause um die Predigt vorzubereiten und Bürokram zu machen. Im Schlafanzug. Denn es sieht mich ja eh keiner. Und nicht vor 11.30.

Vornehmen kann man es sich ja mal...

P.S.: Der Herr Ringel hat sich als Überraschung nächsten Donnerstag frei genommen. Weil ich an dem Tag ja immer von zu Hause arbeite. Ich hatte auch eine Überraschung: ich habe am nächsten Donnerstag eine Beerdigung und werde nicht zu Hause sein.

Ich liebe Überraschungen...



1 comment:

Wolfram said...

Das ist Ketiv und Qeré...

gesagt wird: "das kennt die Gemeinde nicht, das werden die nicht singen."
gemeint ist: "das kennt der Organist nicht und hat keine Lust, das zu üben."

Ich kenn die Sorte, ich war selbst mal einer... ;)
(aber unser Organist ist zu allen Schandtaten bereit, außer die Lieder mit dem Chor zu üben. Der spielt alles, wenn er sagt, das singen die nicht, liegts nicht an ihm. Außer daran, daß er nicht mit dem Chor...)